Mein pferd hat die Nase vorn
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Rezension: „Mein Pferd hat die Nase vorn!“ von Gerd Heuschmann

„Wer reitet, übernimmt die Verantwortung für das Pferd. Die Verantwortung dafür, dass das Pferd so gehalten und geritten wird, dass es keinen Schaden nimmt.“

— „Mein Pferd hat die Nase vorn!“, S. 38

Pferdefachbücher gibt es viele auf dem Markt, doch nur wenige sind auch für Kinder geeignet, oft enthalten sie viel Text mit schwierigen Fachbegriffen, die ein Kind eher vom Lesen abschrecken.
„Mein Pferd hat die Nase vorn!“ von Dr. med. vet. Gerd Heuschmann versucht das Gegenteil: Gutes Reiten kindgerecht erklären.

Da ich genau das auch immer wieder in meinem Unterricht versuche, ist das Buch für mich natürlich ausgesprochen interessant. Ganz besonders der Klappentext hatte mir gefallen, denn er enthält doch viel meiner eigenen Philosophie:

„Man nehme: viel Liebe zum Pferd, eine ansehnliche Portion Wissen, ein großes Herz und viel Geduld
Daraus entsteht ein: gesundes, psychisch entspanntest, gut gerittenes und sicheres Pferd
Sowie: tiefe Freude beim Reiten“

— „Mein Pferd hat die Nase vorn!“, Klappentext

Das Buch ist in insgesamt 6 Kapitel unterteilt, welche alle noch mehrere Unterkapitel besitzen. Darin geht es nicht ausschließlich ums Reiten sondern u.a. auch um Haltung, Anatomie und  ethnische Grundsätze.
Jedes Kapitel wird an dessen Ende noch einmal kurz und (meiner Meinung nach teilweise etwas zu) knapp zusammengefasst.

Im ersten Kapitel zeigt Dr. Gerd Heuschmann mit doch recht erhobenem Zeigefinger auf, dass im Reitsport nicht alles Gold ist, was glänzt und nicht nur die Reiter an allem Schuld sind, sondern natürlich auch die Turnierrichter, Reitlehrer, Züchter…
Manche Menschen mögen dies als „Meckerei“ bezeichnen, ich sehe es als Anregung für die Kinder, nicht alles sofort zu glauben und nachzumachen, sondern die Dinge kritisch zu hinterfragen. Ein Aspekt, der mir persönlich (sowohl bei Kindern, als auch bei Erwachsenen und nicht nur bei reitenden) sehr wichtig ist. Viel zu oft wird Gewohntes einfach als richtig dargestellt.

Wie in Kinderbüchern üblich, wird der Leser direkt mit „Du“ angesprochen, um einen persönlichen Kontakt herzustellen. Gleichzeitig verstehe ich diese Ansprache auch wieder als Aufforderung and die Kids, die Tipps auch wirklich umzusetzen, und nicht nur das Buch zu lesen.

Natürlich kommt ein Fachbuch nicht ohne Fachbegriffe aus. Auch eines für Kinder nicht. Insbesondere die Anatomiekapitel mit vielen Muskeln und Knochen sind für (jüngere) Kinder inhaltlich wohl wirklich zu kompliziert – trotzdem finde ich diese Informationen gut und richtig. So greifen die Kinder und Jugendlichen vielleicht über die Jahre hinweg immer mal wieder zu „Mein Pferd hat die Nase vorn!“ und legen es nicht direkt nach dem ersten Lesen wieder weg.

Wenn möglich sollten (insbesondere jüngere) Kinder das Buch aber wirklich gemeinsam mit einem pferdeerfahrenen Erwachsenen lesen, um Verwirrungen zu vermeiden.
Abgesehen von den Fachbegriffen ist das Buch aber im Großen und Ganzen in kindgerechter Sprache mit kurzen Sätzen geschrieben. Manches ist allerdings etwas unglücklich formuliert, z.B. „In den ersten anderthalb Jahren sollen junge Pferde erst einmal lernen, den Reiter im Gleichgewicht zu tragen.“ (S. 84). Kindern ist bei solchen Aussagen möglicherweise nicht klar, dass es sich dabei um die ersten 1,5 Jahre der Ausbildung und nicht des Pferdelebens handelt.

Was mich allerdings wirklich stört, sind die vielen, vielen Bilder bzw. Zeichnungen ohne Helm. Herr Dr. Heuschmann betont immer wieder, dass Kinder niemals ohne Helm reiten sollten und dann wird selbst auf den Zeichnungen darauf verzichtet? Da habe ich leider kein Verständnis dafür, da damit jegliche Vorbildfunktion verloren geht….

Gleiches gilt im Übrigen für den Sperrriemen. Zu Beginn heißt es, dass er meist weggelassen werden kann [m.E. immer] und dann ist er doch auf fast jedem Foto bzw. jeder Zeichnung zu sehen.

Die aufwendigen Zeichnungen von Katharina Rücker-Weininger finde ich jedoch grundsätzlich sehr schön – allerdings finde ich es schade, dass es scheinbar so wenige Fotos gibt, auf denen gutes Reiten gezeigt wird, dass immer wieder auf eine Zeichnung zurückgegriffen werden muss?
Aber wenigstens in den So/So-nicht – Kästen werden jeweils richtige Fotos gegenüber gestellt.

Im Anhang des Buches befindet sich eine Checkliste zum Ankreuzen, mit der die Kids überprüfen können, ob ihr Reitunterricht und Stall gut sind. Das finde ich eine tolle und einfach umzusetzende Idee, vor allem auch für jüngere Kinder.

Zusammengefasst ist „Mein Pferd hat die Nase vorn!“ ein Buch, welches seinesgleichen definitiv vergeblich sucht. Im Großen und Ganzen überzeugt es mich durch die kindgerechte Aufmachung wirklich sehr, Faktoren wie der häufig fehlende Helm halten mich jedoch davon ab, es meinen Reitschülern bedenkenlos in die Hand zu geben.

Neben Kindern halte ich das Buch durchaus auch für erwachsene Reitanfänger geeignet, da es insbesondere für die Beurteilung des eigenen Reitunterrichts sehr hilfreich ist.

 

Diese Rezension bezieht sich auf folgende Ausgabe:

ISBN 978-3930953509 | 19,95€ (D) |  2009 | Wu-Wei-Verlag | Taschenbuch

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