Zum Aufgeben ist es zu spät, Timo Ameruoso
Erwachsenenbücher,  Pferde lesen

Rezension: „Zum Aufgeben ist es zu spät!“ von Timo Amerouso

Zugegebenermaßen habe ich lange überlegt, ob ich dieses Buch eigentlich hier rezensieren möchte. Denn auch wenn der Untertitel „Fünf Dinge, die Pferde uns über das Leben lehren“ lautet, handelt es sich keineswegs um eine Pferdebuch, sondern eher um eine Art Biografie von „Pferdemediator“ Timo Ameruoso.

Der Autor sitzt seit einem Unfall mit 16 Jahren im Rollstuhl und hat nach schweren Depressionen mit Hilfe der Pferde zurück ins Leben gefunden.

Da mein Studium auf die Arbeit mit behinderten Menschen abzielt, interessieren mich die Erfahrungen Einzelner natürlich immer sehr. Daher habe ich das Buch auch nicht mit dem Fokus auf die Pferde gelesen, sondern um zu erfahren, wie der Autor mit seinem Schicksalsschlag umgeht.

„Wie kann ich es hinbekommen, dass ich niemanden brauche?“ (S. 34) Hilfe zur Selbsthilfe ist die wahrscheinlich schwierigste Aufgabe aller Angehörigen/Betreuungspersonen, denn man gerät schnell in Versuchung etwas einfach selber zu machen. Es geht womöglich unkomplizierter und schneller. Ganz ohne böse Absicht. Im Gegenteil. Man möchte ja nur helfen.

Timo Ameruoso beschreibt sehr eingehend, wie sehr es ihn belastet, von anderen Menschen abhängig zu sein. Doch nach und nach entwickelt er Methoden und Ideen, um sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Von einer Führerscheinprüfung im eigenen Auto bis zum Satteln seines Pferdes.

Sehr offen und ehrlich schildert der Autor die guten, aber vor allem die schlechten Tage seines Lebens. Gezeichnet von Depressionen und tiefer Düsterniss.

Wie wichtig seine Pferde Pascal, Anton und Paolo für ihn sind, wird auf jeder einzelnen Seite deutlich, unter den fünf Dingen, die er von Pferden gelernt hat, habe ich mir aber trotzdem etwas anderes vorgestellt. Ich vermute aber, dass das Buch nicht wirklich mit dem Fokus auf Pferdemenschen geschrieben wurde. Für „normale“ Menschen mag es vielleicht verwunderlich sein, dass Pferde einem so etwas wie Fokus oder Timing lehren können, aber mir persönlich war das einfach zu allgemein gehalten.

Generell bin ich von der „Pferdeseite“ des Buches, im Gegensatz zur biografischen, absolut nicht überzeugt. Hätte ich vorher gewusst, wie Herr Ameruoso arbeitet (der im Buch beschriebene Hype um seine Person scheint an mir vorbei gegangen zu sein), hätte ich das Buch vermutlich eher nicht gelesen.

Er arbeitet meines Erachtens nach klassischem Natural Horsemanship, nur, dass er für alles neue Begriffe erfindet bzw. wissenschaftliche Definitionen einfach „umdeutet“.

Bspw. schreibt er auf Seite 109: „Aufgrund dieses Prinzips wirkt auch der Mechanismus von Belohnung und Strafe bei ihnen nicht. [….] weil Pferde nur ein Kriterium kennen: Funktioniert etwas, oder funktioniert es nicht?“

Eigentlich beschreibt er in diesem Satz genau das, was nach dem Verständnis der Lerntheorie als Belohnung und Strafe bezeichnet wird. Belohnung führt dazu, dass ein Verhalten häufiger gezeigt wird („Funktioniert“), Strafe zur Verhaltenshemmung („Funktioniert nicht“). Und genau das ist operantes Konditionieren, Amerouso behauptet aber permanent, er würde Pferde nicht konditionieren. Dabei wissen wir doch mittlerweile alle: Man kann nicht nicht konditionieren 😉

Ich weiß, dass der Begriff Konditionierung auf viele Pferdemenschen sehr abschreckend wirkt, dennoch ist es aber Realität. Alles ist Konditionierung…

Ameruoso bezeichnet sein Training stattdessen als autodynamisch. Ein Begriff, den ich (im Kontext mit Pferden) mit intrinsischer Motivation vergleichen würde. Und diese Motivation muss ja zuerst durch irgendetwas geschaffen werden. Womit wir wieder bei Verstärkern landen.

Ein ganzer Artikel zum Thema Lerntheorien wäre hier aber etwas fehl am Platz. Vielleicht ein andern Mal 🙂 Bis dahin empfehle ich Dir sehr gerne den kleinen Onlinekurs von Christine Dosdall.

Zusammenfassend kann ich nur sagen, dass ich die Coachingseite bzw. den biografischen Teil von „Zum Aufgeben ist es zu spät!“ durchaus sehr inspirierend und hoffentlich hilfreich für Menschen mit ähnlichem Schicksal finde. Denn der sehr persönliche Schreibstil wirkt äußerst authentisch und nah am Leser.

Der Pferdeteil konnte mich dagegen überhaupt nicht überzeugen. Seltsame Bezeichungen und Erklärungen für ganz klassisches Horsemanship. Welches der Autor aber, laut dem Buch, nicht betreibt.
Klar, ich ziehe meinen Hut vor dem, was Timo Ameruoso im Rollstuhl sitzend geschafft hat, sehe darin aber keinerlei neue oder besondere Erkenntnisse. Teilweise finde seine Aussagen gegenüber seinen Kunden und deren Pferden sehr abwertend. Außerdem schwingt meines Empfindens nach immer ein leicht guruhafter Unterton mit…

Alles in Allem: Wenn Du etwas über Pferde lernen möchtest, kann ich Dir dieses Buch leider nicht empfehlen.

Einen Satz möchte ich Dir trotzdem noch mit auf den Weg geben:

„Grenzen gibt es nur im Kopf.“

— Timo Ameruoso, „Zum Aufgeben ist es zu spät!“, Klappentext

Diese Rezension bezieht sich auf folgende Ausgabe:

ISBN 978-3-499-63337-9 | 14,99€ (D) | 2018 | Rowohlt Verlag | Taschenbuch


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